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Journeys with no return

Istanbul

 

Istanbul 2009. Photo Alice Sharp.

 

Einführung

Das Projekt Journeys With No Return wurde vom gleichnamigen Gedichtsbuch des berühmten türkischen Schriftstellers und Politikers Nâzım Hikmet inspiriert. Es untersucht den Einfluss der türkischen Migration auf die zeitgenössische Kunst.

Künstler aus Deutschland, Großbritannien und aus der Türkei reflektieren über Thematiken, die die türkische Migration der letzten 50 Jahre umkreisen.

Journeys With No Return ist ein Projekt, das in drei Städten stattfindet: Istanbul, London und Berlin. Die Identitäten der einzelnen Städte sowie ihre unterschiedlichen Geschichten und Beziehungen zum Phänomen der Migration haben zu drei unterschiedlichen, aber eng verknüpften Ausstellungen geführt.

Das Projekt wird von drei Kuratoren, die in den verschiedenen Städten arbeiten, organisiert. Die Dynamik ihrer Zusammenarbeit, ihre Beziehungen zu den Künstlern, der wertvolle Beitrag des Peripatetikers und Ausstellungsmachers Denizhan Özer, die spezifischen Rahmenbedingungen der Institutionen und Städte, in denen die Kuratoren arbeiten, und ihre lokalen Partnerschaften haben dazu beigetragen, dass sich das Projekt im Laufe der Zeit flexibel und dynamisch weiterentwickeln konnte.

Die meisten Künstler, die in dieses Projekt involviert sind, haben einen Migrationshintergrund. Migration im Allgemeinen kann als universelles zeitgenössisches Phänomen verstanden werden. Die Geschichte der Migration setzt sich jedoch aus den Erfahrungen von individuellen Menschen, die sich auf Reisen begeben, zusammen. Solch eine Reise kann zu politischem Exil führen, wie beispielsweise für den Dichter Nâzım Hikmet oder den Philologen Erich Auerbach. Sie kann aber auch Neuanfang bedeuten oder neue Freiheiten eröffnen, zum Beispiel für die Frauen, die in den 70er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Berlin zogen.

Die Reise

In der Vergangenheit wurde Migration semi-strukturiert und von offizieller Seite genehmigt, wenn nicht sogar aktiv gefördert. Nach dem zweiten Weltkrieg spiegeln die Migrationsmuster die europäische Kolonialisierung der Neuen Welt wider: "vorübergehende" Rekrutierung von Arbeitskräften aus dem Süden in nördliche Industriezentren. Die ersten Einwanderer wurden in ihren eigenen Ländern rekrutiert, ihre Ankunft war geplant und vorbereitet, und sie kamen mit großer Hoffnung auf ein neues Leben.

Türkische Migration hat mehrheitlich in den letzten 50 Jahren zwischen der Türkei, Deutschland und Großbritannien stattgefunden. In Deutschland bilden türkische Einwanderer die größte ethnische Minderheit. Sie wurden im Rahmen der Gastarbeiterprogramme der 1950er, 60er und 70er Jahre angeworben, um das s.g. Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit in Westdeutschland mit voranzutreiben. Sie waren Teil einer größeren Einwanderungsbewegung, welcher auch Italiener, Portugiesen und Ex-Jugoslawen angehörten. Die Kluft zwischen den Plänen der Regierung, billige Arbeitskräfte temporär einzusetzen, und dem tatsächlichen Arbeits- und Lebensalltag der Einwanderer prägt die Geschichte des Gastarbeiterprogramms in Deutschland. Zurzeit leben 2,7 Millionen Türken in Deutschland, rund 127 000 davon in Berlin.

In Anbetracht der Geschichte der Migration seit dem zweiten Weltkrieg
sind türkische Einwanderer relativ spät in Großbritannien angekommen. Viele Türken, die jetzt im Vereinigten Königreich leben und vor allem diejenigen, die in den 1980er Jahren eingewandert sind, lebten vorher in Deutschland. Damals wurden Plakate in den türkischen Gebieten Londons auf Deutsch und Türkisch verfasst, um die türkische Gemeinde anzusprechen. Türkische Supermärkte in London verkaufen noch immer deutsche Waren und eine große Zahl türkischer Waren wird in Deutschland abgepackt. Heute hat London mit 200.000 der 300.000 Türken, die in Großbritannien leben, die größte türkische Bevölkerung außerhalb der Türkei.

Nebst der Erweiterung der Europäischen Union und dem Konzept einer neuen, flexiblen und hybriden nationalen Identität besteht heute noch ein weiterer Diskurs. Die veraltete Vorstellung, dass Migration in den expandierenden Volkswirtschaften des Nordens geplant wird, beschreibt die gegenwärtige globale Situation nicht mehr ausreichend. Die Kluft zwischen wirtschaftlichen Möglichkeiten, zwischen Nord und Süd, zwischen entwickelten und sich "entwickelnden" Nationen hat sich vergrößert. Globalisierung hat eine Migrationsbewegung von vorher unvorstellbarem Ausmaß ausgelöst. Riesige Menschenmengen reisen aus unterschiedlichen Beweggründen in verschiedenste Richtungen, einige für immer, manche nur für ein paar Wochen. Im Jahr 2002 waren weltweit schätzungsweise 175 Millionen Migranten unterwegs und heute werden es noch viel mehr sein.

Die Differenz zwischen dem “lokalen” oder “normalen” Alltagsleben und den globalen Kräften, durch die es geprägt wird, wächst weiter. Diese Entwicklung weckt widersprüchliche Emotionen, die zwischen Inspiration und Panik schwanken. Wir wissen, dass wir in einer globalen Gesellschaft leben, und sind gleichzeitig doch lokal mit unserer Umwelt verbunden. Unsere soziale Zugehörigkeit, politische Loyalität und unser Gefühl der kommunalen Verantwortung lassen sich nicht auf die globalen Schlüsselereignisse ausweiten.

Wie alle historischen Ereignisse hat auch Migration Archive erzeugt. Journeys With No Return begann mit einem Forschungsprojekt im Kreuzberg Museum, im Herzen der türkischen Gemeinschaft in Berlin, in einem "Nachbarschafts"-Archiv, das auch Aufzeichnungen lokaler kommerzieller Fotoateliers, Zeitungen und Moscheen aufbewahrt: Aufzeichnungen einer lebendigen Alltagsgemeinschaft. Für Künstler, die sich mit dem Thema Migration befassen, wird entweder Forschung zur Grundlage ihrer Arbeit, oder sie zitieren etablierte europäische Genres, die Unterschiede durch Gemeinsamkeit zelebrieren, wie zum Beispiel das Doppelportrait. Das Residenzprogramm des Projekts fördert diese Tendenz, indem es Künstlern die Möglichkeit gibt, sich eingehend mit den Städten zu befassen, die sie besuchen. In einer fremden Stadt kann einem Künstler allein durch unterschiedliche geschlechtliche Rollenverteilungen in verschiedenen kulturellen Kontexten neue Perspektiven eröffnet werden. So betrachtet beispielsweise eine britisch-asiatische Künstlerin die florierenden Geschäfte der Barbiere von Istanbul, traditionelle maskuline Räume und moderne Überreste alter türkischer Traditionen.

Die Künstler dieses Projekts regen uns an, über unsere eigenen Zugehörigkeiten nachzudenken. So hat die türkische Kultur aus westeuropäischer Sicht eine viel traditionellere Auffassung der Geschlechteridentität, gekennzeichnet durch eine rigide Trennung von Mann und Frau, von Familie, Öffentlichkeit und Privatsphäre. Ohne diese Bedingungen würden manche Immigrationsgemeinschaften in fremden, kapitalistischen Städten nicht überleben. Viele junge Künstler haben hingegen mehrere Identitäten, und ihre Erfahrungen erstrecken sich über grundlegend verschiedene Kulturen. Ihre Arbeit zeigt, dass neue Generationen neue Perspektiven in die Prozesse der Identitätsfindung und Integration mit einbringen, indem sie neue Ausdrucksformen und Freiheit mit der Sehnsucht nach fast vergessenen Traditionen kombinieren.

Die Künstler

Die sechzehn Künstler, die in unterschiedlichen Konstellationen an diesem Projekt teilnehmen, arbeiten alle innerhalb dieses turbulenten und aufgesplitterten Bereichs des zwischenmenschlichen Austauschs und im Spannungsfeld zwischen Sehnsucht nach Altem und Wechsel mit Neuem. Ihr künstlerisches Schaffen beruht auf Poesie, menschlichen Gefühlen und eigenen Erlebnissen, anstatt auf der Dekonstruktion von medialen Stereotypen. Die Instabilität und der Facettenreichtum ihrer Erfahrungen beeinflussen ihre Arbeit. Aus diesem Grund passt es gut, dass Olaf Nicolai die Mimesis von Ernst Auerbach als Prüfstein ausgewählt hat. Er schrieb im Exil und hatte nicht immer Zugang zu den Texten, die er brauchte. Das Buch verdankt seine Entstehung daher dem Mangel an einer umfangreichen Fachbibliothek.

Die Künstler setzen sich bewusst und kritisch mit den Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen des Wissens, der Fähigkeiten und der Sprachen auseinander, die traditionell zur Kunst gehören. Sie verwenden Populärmusik, Rap, filmische Konventionen, Comics, Anthropologie, Dokumentarfilm, Tagging und Graffiti und nutzen Archivbilder, kulturelle Klischees und Informationssysteme. Die Verwendung von Film, Fotografie und Installation eröffnet ihnen neue Kommunikationsmöglichkeiten, die sich auf etablierte und populäre Kulturformen beziehen.

Sie zeigen charakteristische Aspekte der Migration auf und thematisieren das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen. Kiran Kaur Brar hebt die Ähnlichkeiten zwischen ihrer Muttersprache Punjabi und modernem Türkisch hervor und deckt alte Verbindungen zwischen Asien und Europa entlang der Seidenstraße auf. Jürgen Eisenacher entdeckt beunruhigende Zusammenhänge zwischen heutigen globalen Menschenbewegungen und den alten afrikanischen Routen des Sklavenhandels aus der Kolonialzeit.

Adam Chodzkos Stummfilm White Magic zeigt den Austausch von roter und grüner Secondhand-Kleidung zwischen einem Gebrauchtwarenladen Großbritannien und einem in den USA. Margareta Kerns anthropologische Erforschung ihres Migrationshintergrunds deckt Familiengeschichten auf und enthüllt gleichzeitig die Identität der Künstlerin, die, wie sie selbst sagt, „under construction“ ist. Sie meidet Klischees und vorgefasste Meinungen ebenso wie Maya Schweizer, deren Arbeit über senegalesische Straßenverkäufer in Florenz unaufdringlich und ruhig ist, ohne dadurch an politischer Aussagekraft zu verlieren. Diese unsichtbaren, nicht registrierten Bürger von Florenz müssen ihre Geschäfte in der Zeit zwischen Polizeikontrollen tätigen. Sie leben in einem Schwebezustand, der mit dem Zeitgefühl eines Reisenden zu vergleichen ist, oder mit der Wartezeit vor einem Grenzübergang in ein anderes Land. Die Videoarbeiten von Clemens von Wedemeyer und Zineb Sedira thematisieren das Konzept des Wartens sowie das Überschreiten von Grenzen. Sie verströmen ein traumähnliches Gefühl der Amnesie und Entwurzelung und sind trotzdem voller Sehnsucht. Ist die Grenze erst überschritten, so führt sie nach Jahren der Vorbereitung, Aufopferung und Anstrengung zum gelobten Land.

Als Künstler, der ständig unterwegs ist, porträtiert Denizhan Özer das harte und schwierige Leben von Migranten, die unversehens von Familienmitgliedern, Vätern oder Enkeln zu namenlosen Statistiken werden. Melanie Manchot beruft sich auf ein traditionelles europäisches Malereigenre, das Doppelporträt, und stellt mit Hilfe von Fotografien die Verbindungen zwischen Menschen, die durch Migration getrennt wurden, wieder her. Sie bat Menschen aus London, ihr Gegenstück in Istanbul zu benennen. Manchots Projekt legt nahe, dass das Portrait im Raum zwischen den beiden Menschen nachhallt.

Die komplexe Frage nach Identität und Identifikation begleitet s.g. Immigranten der zweiten und dritten Generation seit ihrer Kindheit. Sie haben zwei, drei oder mehrere Identitäten, welche oft im Widerspruch zu einander stehen. Aber die Welt erscheint zunehmend vereinheitlicht, egal wo man ist. Nevin Aladağ experimentiert mit Möglichkeiten, sich „authentisch“ auszudrücken und kombiniert traditionellen kurdischen Gesang mit zeitgenössischen Sounds und Rap-Elementen. Nasan Tur wandert entlang der Kulisse neutraler Stadträume, die in Metropolen wie Tokio oder auch Istanbul sein könnten. Sporadisch auftauchende historische Denkmale helfen dem Betrachter, die Städte zuzuordnen. Auf diese Weise ensteht ein durch ständigen Ortswechsel erzeugtes schwindelerregendes Gefühl. Asli Sungu beschäftigt sich mit sozialen Konventionen, die von bestimmten Kulturkreisen als selbstverständlich wahrgenommen werden, während sie anderswo absurd erscheinen.

Das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen im städtischen Kontext führt mitunter zu Wut und Vorurteilen. Derartige Reaktionen provoziert Olaf Metzel absichtlich mit seinen politisch geladenen Werken. Manchmal lösen Nostalgie und Verlustempfinden das Bedürfnis aus, gewisser Dinge zu gedenken, die vielleicht nie existiert haben. Mike Nelsons Installation, die für Istanbul in Auftrag gegeben wurde, dokumentiert die schnelle Veränderung eines alten Stadtbezirks und erscheint als Parodie seines eigenen Wunsches, die Stadt, die er liebt, künstlerisch einzufangen und in Erinnerung zu halten. Olaf Nicolai hat zwei goldene Ringe angefertigt und ein Zitat Hugo de St.Viktors aus dem 12. Jahrhundert eingraviert: MUNDUS TOTUS EXILIUM EST („Die ganze Welt ist ein fremdes Land“). Erich Auerbach und Edward Said nehmen Bezug auf dieses Zitat, welches zeigt, dass Migration ein ebenso altertümliches als auch zeitgenössisches Phänomen ist. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, verursacht die Antriebskraft unserer Kreativität zugleich Verlust und Trennung. Diesen Blickwinkel greift Ergin Çavuşoğlu in Silent Glide auf, einer Video-Installation auf drei Bildschirmen, die die Dynamik einer sich auseinanderentwickelnden Beziehung wiedergibt.

Unabhängig von ihrem eigenen kulturellen Hintergrund müssen zeitgenössische Künstler das Gleichgewicht zwischen Regionalem und Globalen finden, sowie zwischen ihrer subjektiven Identität und einer kulturellen Verbreitung, die prinzipiell keine Grenzen kennt. Dank moderner Technologie können Medienangebote und Populärkultur zeitgleich enorme Distanzen überwinden und ermöglichen so weltweite Kommunikation. Die globale Massen-Industrie hat Statussymbole und Marken eingeführt, die sowohl in Shanghai gelten, als auch Reykjavik und Nairobi. Vielleicht spiegelt eine solche internationale, digitalisierte Konsumgesellschaft die zeitgenössische Realität wider. Für viele ist die mediengesättigte weltweite Konformität der Ausgangspunkt.

Natürlich sind zeitgenössische Künstler selbst Migranten und reisen in der ruhelosen Strömung eines Systems, das sie nicht kontrollieren können, rund um die Welt von den Biennalen zu Kunstmessen und zur Documenta. Oder, wenn sie weniger Glück haben, sind sie in den großen Städten der Welt in Armut gefangen.

Doch Auerbach schreibt in Mimesis:

Peter Cross

Levent Çalıkoğlu

Alice Sharp